Ressourcenorientiert, philosophisch und individuell: Humanistische Pädagogik

Bei der hochkarätig besetzten pädagogischen Fachtagung der Humanistischen Akademie Bayern gingen ErzieherInnen, LehrerInnen und PädagogInnen der Frage nach, was humanistische Pädagogik auszeichnet.

In den letzten Jahren ist die Bedeutung (früh-)kindlicher Bildung und Pädagogik für den HVD Bayern stetig gewachsen, mittlerweile betreibt der Verband 16 Kindertagesstätten und die bundesweit einzigartige humanistische Grundschule in Fürth. "Humanistisch" heißen all die Kitas und die Schule freilich nicht ohne Grund, es liegt ihnen eine bestimmte Weltanschauung, aber auch ein bestimmtes pädagogisches Konzept zu Grunde. Rund 200 Personen haben am Samstag, den 25. Oktober 2014, bei der ersten pädagogischen Fachtagung der Humanistischen Akademie Bayern den Versuch unternommen, diesen Kern humanistischer Pädagogik herauszuschälen. In Vorträgen, Diskussionen und Workshops.

So stellte Thomas Mohrs neurowissenschaftliche Thesen zum Lernen auf, plädierte aber auch leidenschaftlich für eine offene Lernkultur ohne Angst und Zwang. Lernen will er in offenen „Domänen“, nicht in strikt gegeneinander abgegrenzten Fächern – eine Forderung, deren neurowissenschaftliche Begründung er gleich mitliefert: „Das Gehirn will Zusammenhänge herstellen können.“ All das, wozu ein Kind keinen Bezug herstellen könne, bleibe ihm unverständlich. Humanistische Pädagogik, wie der Professor der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich sie versteht, verzichtet auch deshalb darauf, Schülern starre Lehrpläne und Stoff vorzusetzen, der jene womöglich ohnehin nicht interessiert. Am besten vermittelt werde jeweils das, woran ein Kind am besten andocken kann. Und das sei nun mal von Einzelfall zu Einzelfall unterschiedlich.

Das liegt auch am limbischen System. Jener Teil des Gehirns, dem intellektuelle Leistungen zugeschrieben werden, ist auch für Emotionen zuständig. Lernen und Freude liegen so gesehen nah beieinander, was nichts anderes heißt, als dass „langweilige“ Lerninhalte nur schlecht nachvollzogen werden. Eher noch schaltet das Gehirn auf Standby – Phänomen Schulschlaf. Wenn genau das nicht passieren soll, wenn SchülerInnen im Unterricht nicht über ihren Tischen zusammensacken sollen, dann muss ihnen (bei einigen Abstrichen wie dem Erlernen notwendiger Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen) erlaubt sein, zu lernen, was sie interessiert. Und sei es auf Kosten vermeintlich unverzichtbarer Lerninhalte wie deutsche Klassik oder Differentialgleichungen.

Flexibles Denken in Systemen

Charakterisierte Thomas Mohrs uns Menschen noch als Kleingruppenlebewesen, gab Brigitte Wieczorek-Schauerte dem eine psychologische Volte: Vor dem theoretischen Hintergrund des sozialen Konstruktionismus referierte sie das notwendig systemische Denken humanistischer Pädagogik. Jeder Mensch sei in ein System aus FreundInnen, Verwandten, KollegInnen und anderen Menschen eingebettet, ein System, das ganz wesentlichen Einfluss auf das Individuum habe. In der Pädagogik gelte es diesen Zusammenhang zu reflektieren, und mehr noch: „Das Akzeptieren, dass andere Menschen Situationen ganz anders interpretieren als ich, ist für mich ein ganz wesentlicher Ausdruck eines offenen Systems“, so Wieczorek-Schauerte. Genau darum gehe es im Humanismus: „Wir wollen nicht auf irgendwelche Dogmen hinaus oder festgeschriebene und auf alle Zeit unveränderbare Regeln“, betonte Wieczorek-Schauerte. Systemisch zu denken, heiße zu erkennen, dass wir alle Regeln, Positionen, „unsere ganze Weltanschauung“ in einem gemeinschaftlichen Prozess festlegten – „und dass diese auch veränderbar sind bei Erkenntniszuwachs.“

Einen ähnlichen Gedanken führte Hans-Joachim Müller aus. Müller beschäftigte sich mit dem Philosophieren mit Kindern, einem Thema, das am Nachmittag auch im Workshop von Sabine Wietz und Matthias Barz aufgegriffen wurde. „Philosophie ist die Wissenschaft, die zeigt, was möglich wäre“, so Müller. Viel Platz bleibt ihm in einer zunehmend nach ökonomischen Kriterien eingerichteten Bildungslandschaft freilich nicht, und dennoch: Das optionale Denken ist Müller wichtig. Der Grundschullehrer und Lehrbeauftragte will Kinder ermuntern, Alternativen zu erdenken, sich Neugierde und Staunen zu erhalten, zu hinterfragen und so zu kritischen Geistern zu reifen. Als PädagogIn müsse man sich beim Philosophieren deshalb zurücknehmen, betonte Müller, man müsse die Fragen der Kinder ernst nehmen und „über dem Gedachten das Denken lernen“.

Es ging Müller um die Erkenntnis, dass nichts so bleiben muss wie es ist – „wenn es denn so ist“, würde an dieser Stelle womöglich Rainer Rosenzweig einwerfen. Der Geschäftsführer des Hands-on-Museums turmdersinne stellte seinem Vortrag die Frage voran: „Ist was wir wahrnehmen wirklich immer wahr?“ Um Wahrnehmung und ihre Begrenzungen und was das für Schlüsse wir daraus für uns selbst und unsere Kommunikationen ziehen können ging es in dem Vortrag am Nachmitag, der anschaulich den Weg beschrieb, den ein Außenreiz nimmt, bis er bei uns angekommen ist.

Das Individuum steht im Mittelpunkt

Ergänzt wurde das Vortragsprogramm durch eine Reihe von Workshops, die teils ganz praktisch die Theorie auf die Füße stellten. So führte Brigitte Wieczorek-Schauerte das systemische Denken und Handeln in Kita und Schule weiter aus, Ulrike Meyen leitete den Workshop über humanistische Lebenskunde, Hilal Yalcin präsentierte Streitschlichtungsmethoden für Kinder in der Kita und Ulrike von Chossy widmete sich den humanistischen Werten in einem Schulkonzept.

Der Leiterin der Humanistischen Grundschule war es auch vorbehalten, den letzten Vortrag des Tages zu halten. „Humanistische Pädagogik geht vom Menschen als Individuum aus“, führte sie darin aus. „Schon weil diese Individuen alle unterschiedlich sind, unterschiedliche Hintergründe und Auffassungen haben, muss diese Pädagogik einen konstruktivistischen Ansatz verfolgen. Absolute Wahrheiten sind ihr notwendigerweise fremd, denn sie will bewusst mit Unterschieden umgehen, um von der Vielfalt zu profitieren und so Kindern ein weltoffenes, selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Leben zu ermöglichen.“

  • Facebook
  • Google+
  • Twitter
Facebook ButtonTwitter ButtonGoogle+ Button

So können Sie unsere Internetseite im Browser vergrößern, um die Lesbarkeit noch weiter zu steigern und natürlich auch verkleinern:

Die Strg-Taste (Strg = Steuerung) ist jeweils ganz rechts und links in der untersten Tastenreihe zu finden. Auf englischen Tastaturen heißt diese Taste Ctrl (= Control). Beim Mac anstelle der Strg- die Befehl-Taste (cmd) drücken.

  1. Strg-Taste gedrückt halten und +/- Tasten drücken. Im Firefox und Google Chrome kann die Größe mit Strg und 0 wieder auf Standard zurückgesetzt werden.
  2. Strg-Taste gedrückt halten und Mausrad drehen. Internet Explorer (IE): Nach oben drehen = vergrößern. Firefox: Nach oben drehen = verkleinern.
  3. Über das Menü: Im IE lässt sich die Schriftgröße im Menü Ansicht > Textgröße in fünf Größen ändern. Beim Firefox kann man über das Menü Ansicht > Schriftgrad die Darstellungsgröße schrittweise verändern oder zurücksetzen, die Tastenkürzel stehen daneben.

Alle 3 Möglichkeiten funktionieren zumindest im Internet Explorer und im Mozilla Firefox, die Variante 1. ist auch bei vielen anderen Browsern Standard.